Gespeichert unter 'Im Ausland'

Kanadische Urlaubsbilder, die sich aneinander reihen: Aufgeregt im Chrysler Cruiser sitzen und mit Automatikschaltung die ersten Kilometer in die kanadische Weite hineinfahren. Dabei ein zaghaftes Gefühl von Freiheit spüren. Alle zwei Minuten A und O sagen und verzweifelt Parkmöglichkeiten auf dem Seitenstreifen des Highways suchen, um wenigstens einen Bruchteil der Schönheit fotografisch festzuhalten. Sich an der Vollkommenheit der Herbstfarben niemals satt sehen können. Beim Picknick am Waldrand sitzen und über die Schönheit der Landschaft staunen, die sich vor einem ausbreitet. Pfeifen und klappern gegen die Bären. Im Morgenrot am St. Laurence-Strom entlang joggen. Sonnenbaden auf dem Olympia-Gelände von Montreal. Mit zwei Labradorkindern im perfekten Abbild einer nordamerikanischen Fernsehvorstadt spazieren gehen und Smalltalk mit den Nachbarn betreiben. Echten kanadischen Lachs auf einem gigantischen Gasgrill grillen und dazu schweren französischen Rotwein trinken. Montreal zu Fuß erlaufen: Vom Gemüsemarkt zum alten Hafen, vom China- ins Bankenviertel, vom Mont Royal zum Stadtviertel Plateau, wo die Straßen breit und hell sind und die Häuser die typischen Eisentreppen an der Frontseite haben. Mit Antje und Jean kurzzeitig in ihr kanadisches Leben eintauchen und so Kanada noch authentischer erleben. In einem von außen unscheinbaren und von innen charaktervollen Restaurant eines französischen Ehepaars bretonische Crepes speisen. Von der Freundlichkeit der Kanadier überrascht werden, als wir die Rechnung wegen Schwierigkeiten mit der Visa-Karte nicht vollständig bezahlen können. Dankbarkeit und Freude, weil Madame Dylla die fehlenden 10 Dollar einfach auf den Tisch legt und uns somit den nächtlichen Weg zum nächsten Geldautomaten erspart.
Die Weite der Wälder, Seen und Wiesen einatmen. Stundenlang Wanderpfaden folgen, vorbei an kleinen und großen Seen. Rehfamilien, die sich von Wanderern wie uns nicht stören lassen. Schildkröten, die wir nur auf dem Verkehrsschild gesehen haben. Und vor allem Eichhörnchen und Erdhörnchen, die Nüsse knackend uns betrachten und unter uns im Boden verschwinden, die für Kanadier jedoch nur eine andere Form von Ratten sind. Zwischenstation im Cottage am Ende einer Straße, die in keinem Navigationssystem der Welt zu finden ist: Le chemin Laura Lane. Nicht die Tote aus „Twin Peaks“ sondern Mykas Oma ist hier verewigt. Stundenlang am Ufer des Lac Blanche sitzen und „fern sehen“: Warmes Licht und Ruhe, unterbrochen nur von dem Gegacker der Wildgansschwärme, die in pittoresken Formationen auf dem Weg gen Süden sind. Kurz entschlossen vom Cottage in den See hüpfen und einige Meter schwimmen. Das Gewitter auf der anderen Seeseite vorbeiziehen sehen. Gemeinsames Kochen und gemütliches Essen an der prächtigen Tafel von Myka, Matilda und Jens nach Tagen voller Eindrücke und Wanderungen. Bei stundenlangem Regen im Haus des Rangers picknicken. Die Weiten eines kanadischen Supermarkts durchstreifen und unbekannte Produkten bestaunen.
15-Dollar-Wein aus der Flasche trinken und auf den künstlichen Kamin unseres Zimmers im Motel „Alpengruß“ schauen. Leckeres Abendessen im alten Bahnhof von Wakefield genießen, bestehend aus Fisch an Süßkartoffelmus und Pasta an Geflügel mit Wildbeerensorbet. Den Lac Philippe umwandern, danach in der warmen Herbstsonne sonnenbaden. Die Touristen in einem kanadischen Neubauort à la Walt-Disney-World beobachten und dabei Starbucks-Kaffee trinken. Am Abend mit Antje, Jean und ihren Freunden im Cottage die kanadische Fassung von Stadt-Name-Fluss spielen und dabei Wein trinken. Tausend verschiedene Abstufungen der Pink-Tönen der kanadischen Ahorn-Blätter in den Erinnerungen verankern. Stundenlang am Panoramafenster von Antjes und Jeans Luxus-Chalet sitzen, lesen, Tee trinken und vom satten Grün des regennassen Herbstwaldes nicht genug bekommen.
Man höre und staune: Kanada ist das seenreichste Land der Welt: Seen mit einer Gesamtoberfläche von insgesamt rund 900.000 Quadratkilometern soll es hier geben, was etwa einem Drittel der weltweiten Süßwasservorkommen entspricht. Entsprechend werden rund 70 Prozent der in Kanada erzeugten elektrischen Energie mit Wasserkraft gewonnen. Kanada ist auch ein Land der Kälte: Etwa 60 Prozent der Landesfläche haben eine Jahresdurchschnittstemperaturen unter null Grad, mehr als 70 Prozent des Landes eine Januardurchschnittstemperatur von unter minus zehn Grad. Der St. Lorenz-Strom, die Lebensader im südlichen Kanada, ist im Winter drei bis fünf Monate zugefroren. Kanada ist im wahrsten Sinne des Wortes „multikulti“: 82 ethnische Gruppen mit 72 verschiedenen Sprachen leben hier. Dennoch ist das Land laut UNO das Land mit der besten Lebensqualität, die an Kriterien wie Lebenserwartung, Schulbesuch, Pro-Kopf-Einkommen oder Bildungsstand der Bevölkerung definiert wird. In Kanada ist einfach alles groß: Allein die Provinz Quebec ist mit 1,5 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland, verfügt allerdings mit knapp 8 Millionen Einwohnern etwa über so viele Einwohner wie Niedersachsen. Gesamt-Kanada ist mit 10 Millionen Quadratkilometer das zweitgrößte Land der Erde und damit 33mal größer als Deutschland. Kanada als das zweitgrößte Flächenland der Welt hat dabei nur knapp über 35 Millionen Einwohner.
03. Dezember 2009

Ankommen in Barcelona: Eine Oase des Sommers. Sonnenhitze und Meereskühle. 1,5 Liter Wasser trinken, ohne auf die Toilette zu müssen. Überwältigt vom bunten Treiben. Der erste Weg führt zum Meer, der zweite zu den Ramblas. Ein Wirrwar aus Gassen und Gässchen, Plätzen und Märkten fordert alle Sinne. Den Überblick zu behalten: Unmöglich. Schnell passt man sich der spanischen Gelassenheit an. Café cortado und Café con Leche in schönstem Ambiente für zwei Euro siebzig. Creme Catalane: Auch als Eis köstlich. Wie man die vielen Tapas auseinander hält und am Ende beim Zahlen nicht durcheinander kommt? Und wie kommt der Schinken von der Tresen-Decke auf den Teller? Avocados mit Zitrone schmecken in Spanien viel besser als zu Hause. Fitz-Kola und Bionade werden in Szenekneipen angepriesen und irritieren den inneren Kompass.
Unsere Bleibe: Viertes OG, erreichbar durch den Dienstbotenaufgang. Das Treppenhaus weniger als ein schmaler Schlauch. Mit Rucksack auf dem Rücken bleibt man auf jeden Fall stecken. Die Wohnung selbst: Klein, fein und authentisch Barcelona. Blick in die Hinterhöfe und Nachbarwohnungen, auf Dachterasssen, Gassenwirrwar und nistende Tauben. In den dunkelsten und unwirklichsten Gassen um die Ecke befinden sich die coolsten, stylischsten Designerläden und Outletstores. Geschlafen wird mit Oropax. Während Barcelona nie zu schlafen scheint: Touristengruppen lassen sich auch nachts die Altstadt erklären. Vorzugsweise auf dem Platz vor unserem Haus. Sogar die Müllabfuhr arbeitet zur besten Schlafenszeit. Vor unserem Fenster tanzt jemand Flamenco und singt dabei Ave Maria. Junge Tauben zirpen nicht, wenn sie Hunger haben, sondern klagen quietschend. Am ersten Abend sitzt das gesamte Haus im Dunkeln. Stromausfall. Schon im Treppenhaus nur Notbeleuchtung. Nicht jegliche Form von Licht, auch Toilettenspülung ist an den Strom gekoppelt. Der abtauende Kühlschrank sowieso.
Barcelona at Night: Mit einer abendlichen Flasche Wein auf dem Weg zum Meer. Mitschwimmen im Strom der Touristen und Einheimischen, die, wie es scheint, allesamt erst nach 22 Uhr auf die Straße gehen. Barcelona schmückt sich mit neu erbauten, prächtig beleuchteten olympischen Flaniermeilen entlang des Yachthafenbeckens. Die wenigen sorgsam gepflegten Rasenstückchen sind begehrt bei jungen Leuten. Wären da nicht die Rasensprenganlagen, die pünktlich 23 Uhr aus dem Rasen aufsteigen und Liegende verjagen. Nachts sehen die Altstadtgassen aus wie künstliche Kulissen im Filmstudio. Irreal beleuchtet. Lateinamerikanische Musik versteht man viel besser, wenn man sie in Spanien hört. Die perfekte Verbindung von Emotionen mit Impressionen.
Barcelona und seine Markthallen: Was für die Deutschen der Billig-Supermarkt, ist für die Spanier die Markthalle. Hier treffen alle Bevölkerungsgruppen Barcelonas zusammen und zelebrieren den Einkauf. Von den Touristen ganz abgesehen. Die Fischstände erfordern die gesamte Aufmerksamkeit des Besuchers. Die Auswahl an Meeresgetier ist unübertroffen. Mit unglaublicher Behändigkeit werden hier Fische ausgenommen, entschuppt, weiterverarbeitet. Alles bewegt sich noch irgendwie. Nicht nur Hummer, auch Muscheln aller Art machen ihre letzten Atemzüge auf schön dekorierter Auslage. Die Obstabteilung dagegen ist etwas für das Harmoniezentrum im Gehirn: Meterweise Obst, Gemüse, Nüsse, kandierte Früchte, getrocknetes Obst, wohin das Auge sieht. Ein alter, noch stattlicher Mann im abgenutzten Anzug zwirbelt seinen mit Pomade geformten Bart und spiegelt sich im Schaufenster. Der Begriff „ältere Dame“ scheint hier erfunden: Je höher das Alter, desto mehr hält „Frau“ etwas auf sich und verlässt stets geschminkt, im Kostüm gekleidet und mit Dauerwelle das Haus.
Barcelona und Touristen: Die Olympiaanlage in Barcelona weckt Assoziationen zu Brasilia: Moderne Architektur trifft auf NICHTS. Kein Mensch weit und breit. Ästhetisch interessant und gleichzeitig steril. Deutsche Touristen sehen gar nicht mehr deutsch und französische Touristen gar nicht mehr französisch aus. Nur Russen, die erkennt man sofort. Französisch ist neben dem Spanischen die meist gesprochene Sprache. Während man Touristen vor allem an Eistüten und Hochsicherheitsrucksäcken erkennt, sind die Tribute der Einheimischen Flipflops und „Bicing“-Leihfahrräder. Diese begehrten Teile darf man jedoch nur als „residentes“ ausleihen. Das ehemalige Expo-Dorf Peblo Espanyol kostet 8 Euro Eintritt. Dafür kann der Besucher dann einheimisches (Kunst-)Handwerk einkaufen. Der Schmuck von Christine ist etwas Besonderes und hebt sich ab von dem zum Kitsch neigenden Touristenziel (Weiterer Schmuck bei plastiflor.es).
Barcelona am Strand: Würde man dem Fingerzeig der Columbusstatue im Hafen folgen, käme man direkt nach Amerika. Eine Strandliege kostet unbeschreibliche 5 Euro. Eine Badematte dagegen: Nichts. Asiatinnen holen den verträumten Strandbesucher alle fünf Minuten mit „Ola! Massage?“ oder „Hello! Massage?“ in die Realität zurück. Einheimische Möwe fliegt stundenlang mit Lenkdrachen um die Wette. Ganz nach der Devise: „Schau her, du Ding, das kann ich viel besser.“ Die Haut fühlt sich salzig an vom Meer.
Volksfest in Barcelona: Das heißt: Konzerte an jeder Ecke. Überhaupt ist in der gesamten Stadt ein riesiger Menschenstrom unterwegs. Vormittags auf der Suche nach Schnäppchen der Rebaxas, abends auf der Suche nach der besten Party. Das Viertel Poble Sec: Spanisches Multikulti, wie in Berlin-Kreuzberg. Am Abend lässt sich rätselhaftes Treiben beobachten. Später wird klar – es handelt sich um Menschenturm-Training. Während wir auf dem Platz unseren Wein trinken, schafft es die Mannschaft auf viereinhalb Etagen. Das beste kanarische Menschenturm-Team hält den Rekord über neun Etagen! Kaum ist das Menschenturm-Training beendet, wird es von einem Umzug der Riesenpuppenmenschen abgelöst. Unter lärmender Musik findet das Stadtteilfest so seinen Höhepunkt. Aufgabe dieser Riesenpuppen scheint es zu sein, kleinen Kindern einen gehörigen Schrecken einzujagen. Das Publikum am Rande zollt Respekt vor der Leistung der Träger.
Barcelona ist teuer: Dem Laden um die Ecke wurde die Miete kürzlich von 2000 auf 7000 Euro erhöht. Globalisiertes Bettlertum: Vor dem „Spar-Markt“ am Rande der Altstadt schimpfen zwei deutsche Bettler über die Globalisierung. Ob es wohl vor dem „Zara-Store“ in Berlin bald spanische Bettler gibt?
26. Juli 2009

Schnell nach der Ankunft im Kopenhagener Zentrum zeigt sich: Anders als andere Städte ist Kopenhagen als Reiseziel in der mitteleuropäischen Wahrnehmung völlig unterbewertet. Jung, entspannt, hell, freundlich, lässig und modern lernen wir die Stadt der kleinen Meerjungfrau kennen. Mit kostenlosen Leihrädern – Ausleihe nach dem Einkaufswagenprinzip – lässt sich die dänische Metropole entspannt erkunden. Sie erstreckt sich über eine größere Fläche, als erwartet. Im Krieg kaum zerstört, schafft historische Bausubstanz fast überall Wohlfühlatmosphäre. Flüsschen und Kanäle, Strände und befestigte Uferpromenaden, Yachthäfen und Containerschiffe, das Kreischen der Möwen sowie Geruch von Meer signalisieren Urlaub. Rockfestivals in der Innenstadt, freundliche Menschen überall – vom Busfahrer, Vermieter, Eisverkäuferinnen oder Kellnerinnen – überzeugen uns vom skandinavischen Lebensgefühl.
Nein, ganz oben auf der Prioriätenliste stand Kopenhagen vor der Reise ganz bestimmt nicht. Auch wenn europäische Städtereisen dank Easyjet inzwischen ein Kinderspiel sind, die Entscheidungsfindung angesichts eines Überangebots an sommerlichen Reisezielen ist alles andere als easy. Erst recht nicht Mitte Dezember, wenn die Flucht aus Berlin ein natürlicher Reflex ist. Wohin reisen, im Juni, zu Beginn der heißesten Zeit des Jahres? Ins sonnenüberflutete Sizilien? Oder schwitzend durch Thessaloniki stapfen? Oder sich nächtens schlaflos in einer aufgeheizten spanischen Finca hin und her wälzen? Reflexartig kommen nördliche Gefilde in den Fokus: Skandinavien als ideales Ziel. Also, auf nach Kopenhagen.
25. Juni 2009

Das verschwommene Traumbild eines perfekten Urlaubs von zwei Städtern, die der Umgebungshektik moderner Berliner Arbeitswelt überdrüssig sind: Urlaub mitten in den Bergen. Zwei Wochen fernab urbaner Zivilisation. Eine kleine, feine Unterkunft mitten im Grünen. Umgeben von Jahrmillionen alten Bergmassiven und Gebirgswiesen. Frei durch atmen und nachts Sterne am Himmel sehen. „Urlaub – Natur – Berge – Ruhe – Wandern.“ Mit diesen Suchbegriffen navigiert uns das Internet recht zielsicher in den Bregenzer Wald. Schlössle Ittensberg wird wenig später unser Urlaubsdomizil sein. Ittensberg – Ortsteil von Großdorf, gleich neben Egg, in der Nähe von Schwarzenberg, im Hinterland von Bregenz – wahrlich hinter den siebzehn Bergen. Und genau dort erleben wir wenig später einen perfekten Urlaub.
Wald
Wie wir Städter den Wald im Bregenzerwald sehen: Der Wald als Märchenbuch: Den alten, knorrigen Wurzeln, versteckten Felsen und mit Moos bewachsenen Steine kann man Geschichten über Geschichten entlocken, wenn man nur ganz aufmerksam hinsieht. Der Wald als Freizeitpark: Wandern, Picknicken, Rasten, Fotografieren, Lesen, Schlummern, Fotografieren. Der Wald als Geschichtsbuch: Die meterhohen Farne und Schachtelhalme sind stumme Zeugen einer längst untergegangenen Zeit vor vielen Millionen Jahren. Der Wald als Obstparadies: Himbeeren, Brombeeren und Heidelbeeren in Hülle und Fülle, gratis zum Einsammeln am Wegesrand. Der Wald als Klimaanlage: Im Schatten der Bäume ist es selbst zur heißesten Mittagszeit angenehm kühl. Der Wald als Regenschutz: Das dicke Laub- und Nadeldach bieten eine schier undurchlässige Schicht gegen Nässe von oben.
Wasser
Es ist vor allem das Wasser, das den Bregenzerwald ausmacht. Dem Wasser begegnen wir hier überall. Selbst im Hochsommer, wenn es schon seit Tagen nicht geregnet hat. Zuerst treffen wir das Grundwasser. Das kann – anders als in anderen Gegenden – hier nicht versickern. Das lässt eine wasserundurchlässige Gesteinsschicht nicht zu. Fast alle Wiesen sind deshalb Feuchtbiotope. Wanderwege werden so zu Wasserwegen. Im Wald weit verbreitet: Die Gebirgsflüsschen. An jeder Ecke des Bregenzerwaldes plätschert es. Aus zartesten Rinnsälen werden tosende Wasserfälle. Aus sprudelnden Quellen reißende Flüsse. Und die machen nicht halt vor Felsgestein und sei es noch so mächtig. So hat das Wasser über Jahrtausende unvermutete Naturspektakel für uns zwei Berliner Wanderer geschaffen, wie Schluchten, Klamme oder Kamine, die häufig mit so unvermuteter Wucht daherkommen, dass sie Erfurcht und Ergriffenheit verursachen. Weitaus ruhiger, doch kein bisschen unprätentiöser: Die Gebirgssehen. Ruhig, klar und beinahe unantastbar liegen sie inmitten atemberaubender Bergwelt. Sie sind Ziele schweißtreibender Wanderungen, Wegmarke auf der Wanderkarte oder Überraschung nach der Wegkurve. Schließlich unser Schwimmbad in Egg. So kalt wie das kälteste Quellwasser war es für uns Erfrischung und Überwindung gleichermaßen, wenn wir dem Becken Meter für Meter Schwimmstrecke abgetrotzt haben. Und all diesen Wässern zugrunde liegt der Bodensee, das schwäbische Meer. Majestätisch und kraftvoll, schier endlos und Silber glänzend bildet er den Abschluss der Wasserwelt des Bregenzer Waldes. Und ist zugleich sein Anfang, wenn die dichten Nebel aufsteigen und vom Wind in Richtung Berg getrieben werden.
Berge
Verschwenderisch geht die Bregenzer Bergwelt mit ihren Reizen um. Und jeden Tag aufs Neue lassen wir Städter uns betören von unseren drei Hausbergen im Wandel des Sonnenlichts: Tristenkopf, Winterstaude und der Niedere. Gern und oft halten sich die Drei mit Hochnebel bedeckt. Vor allem im ersten Morgengrauen. Es ist die Morgensonne, die ihnen wenig später dabei hilft, hervorzutreten aus dem weiß-zarten Schleier. Sie ist es auch, die ihnen Minute für Minute ihre Farben und Konturen zurückgibt. Aus dem blassen, verschwommenen Gegenüber wird so ein kantiges, sattgrünes Bergmassiv. Und wenn schließlich die Mittagssonne von der einen Talseite zur anderen wandert, macht sie sich jeden Tag aufs Neue den Spaß, mit den Schatten der drei Gevatter zu spielen. So kommt es, dass die Schatten am Morgen sehr lang, am Mittag sehr kurz und gegen Abend wieder sehr lang sind. Die Abendsonne hingegen lässt das Grün der drei Berge noch grüner aussehen und taucht alle Felsen in ein warmes Rot. Von Minute zu Minute – wechselnde Kulissen. Und dann, ganz schnell, nimmt die Sonne alles wieder mit, was sie vorher am Morgen so großzügig verschenkt hat, bevor sie hinter dem Talrücken verschwindet: Farben, Konturen, Vorsprünge, Einzelheiten. Dann sind die drei Berge nur noch eine dunkle Wand.
02. September 2007
Episode 1: Vor der Abfahrt: Der Reiz des unbekannten Budapest erfasst uns schon zu Hause, mit der Flugbuchung. Das Internet zeigt gefilterte Impressionen und schafft eine erste Vorahnung von der Pracht der ungarischen Hauptstadt. Ein Reiseführer verankert bruchstückhafte Sehenswürdigkeiten im Kopf. Zeitgleich der erste Versuch, sich den Stadtplan einzuprägen. Zweidimensional, vorerst. Doch zunächst schlummern die Impressionen noch leblos vor sich hin. Wie leere Hüllen, die nach Erlebnisinhalt gieren.
Episode 2: Am Tag der Abfahrt ist alles anders als sonst: Nie klingt das Weckerklingeln so freundlich, nie strömt Energie so schnell durch den verschlafenen Körper, nie schmeckt das Frühstücksbrot so frisch, wie am Tag der Abfahrt. Selbst die S-Bahn-Fahrt zum Flughafen vorbei an grauen Vororten Berlins sehen wir durch die Reisebrille. Das Ruckeln und die Zwischenhalte, ebenso das Einchecken und Warten auf den Abflug sind nicht weniger als süße Vorboten der Reise. In fünf Tagen erwartet uns all das erneut, dann jedoch mit Blick durch die Rückkehrerbrille. Jetzt jedoch: Auf in die Ferne. Kaum anderthalb Stunden später spuckt der Himmel über Budapest das Flugzeug auf das Rollfeld. Das Unbekannte ist jetzt zum Greifen nahe. Mit dem Öffnen der Flugzeugtür schlägt uns eisige, klare Kälte entgegen. Es riecht nach Kerosin und Winter.
Episode 3: Noch völlig orientierungsblind sitzen wir in der Budapester U-Bahn, die uns direkt in die Innenstadt bringt. Fremd die Namen der Stationen, fremd das Gesprochene um uns herum, die plüschige Hotelatmosphäre noch nicht ganz abgeschüttelt. Alles muss erst vertraut werden. Die richtige Station nicht zu verpassen, erfordert ungeteilte Aufmerksamkeit. Schließlich: Andrassy ut, der Prachtboulevard Budapests. An jeder Fassade die Herrlichkeit der vergangenen Jahrzehnte. Blind immer noch, folgen wir dem Strom der Menschen. Irgendwo dort unten muss die Donau sein. Und über ihr – majestätisch thronend – die Altstadt mit Burg und Fischerbastei. Sie will erobert werden. Meter für Meter ringen wir der Hängebrücke über die Donau – dem Wahrzeichen der Stadt – gegen den eisig-klaren Sturm ab. Der Aufstieg auf den Burgberg macht warm. Immer wieder lugt das pittoreske Ensemble wie ein verstecktes Kunstwerk hinter Bäumen und Häusern hervor. Und dann, plötzlich, sind wir mitten drin. Und blicken hinab auf das Häusermeer, das uns eben noch umgeben hat, wie auf ein illuminiertes Stillleben. Gänsehaut von so viel Schönheit.
Episode 4: Die Seele einer Stadt liegt nicht auf der Hauptstraße. Kreuz und quer dem Netz aus Nebenstraßen folgen. Nur so findet man die Juwelen. Still und unscheinbar neben den großen Sehenswürdigkeiten. Der nachdenkliche Platz abseits vom Boulevard. Die Leuchtreklame, die nicht mehr scheint. Der verlassene Kinderzirkus im Park. Das Orchesterkonzert auf dem Hinterhof der Musikhochschule. Der einsame serbisch-orthodoxe Friedhof. Das winzige Dichtercafé hinter der Markthalle. Nach 48 Stunden Budapest haben wir uns Budapest vertrauter gemacht. Die Orientierung in der Stadt. Den Klang der Namen. Die Sprache um uns herum. Das plüschig-altmodische Hotel.
Episode 5: Klar und kalt scheint die Wintersonne auf unseren letzten Tag. Die Atmosphäre vom traurigen Sonntag über der Stadt. Nur auf der Burg tummeln sich die Touristen. Russische Sprachfetzen an jeder Ecke. Die Boulevards sind nur für die Tauben da. Und für die Pfützen, in denen sich die eitel-herrschaftlichen Hausfassaden spiegeln. An einem solchen Nachmittag gingen frühere Generationen für gewöhnlich aus, zum Sonntagskaffee. Wir tun es ihnen nach, elegant, im feinen Kaffeehaus Astoria. Fast sind wir die einzigen Gäste. Ein letztes Mal heimischen Apfelstrudel, später Rotwein vom Balaton. Der Sonne gelingt es bis zum späten Nachmittag nicht, die Melancholie aus Budapest zu vertreiben. Ein letzter Spaziergang an der Donau. Die blaue Stunde, die die Stadt in ein warmes Orange taucht. Wir sitzen ganz still auf einer Bank und schauen auf das Schauspiel, das ganz sicher allein für uns veranstaltet wird.
04. Januar 2007