Wie fühlt sich ein Halbmarathon an?

Am Vortag: Herzklopfen stellt sich ein. Und wie immer der Respekt vor der Entfernung. Vor allem aber Vorfreude und Kribbeln. Gemeinsames Trainieren ist Programm. Eine Stunde am Tag, in der man sich dem Druck des Alltags entzieht. Das schafft Sicherheit und Zuversicht. Das Pastaessen am Vorabend sorgt für gefüllte Kohlehydratspeicher. Ich trinke Wasser und Tee, bis ich das Gefühl habe zu platzen. Es wird sowieso eine kurze Nacht.
Am Morgen: Herausforderung angenommen: Die Zielzeit von 2008 will geknackt werden. Die Signale des Körpers stehen auf grün. Diesmal ist mein Fanclub gleich von Anfang an dabei, 2008 hatten wir uns vor lauter Aufregung verpasst. Dieses Jahr sind die Treffpunkte bombensicher vereinbart. Leichtes Eintraben in Richtung Startmeile. Das Rote Rathaus rückt in Sicht. Die frische Morgenluft lässt zieht wohlige Vorfreude im Bauch zusammen.
Am Start: Diesmal drückt die Blase schon vor dem Lauf. Letztes Jahr war der Tiergarten mein einziger Ausweg. Darauf verzichte ich, auch wenn die Dixi-Klo-Schlange doppelt so lang ist. Immerhin bietet die Warterei Gelegenheit für Umfeldstudien. Nicht alle sind so gut gelaunt, wie das Frühlingswetter. So mancher Läufer muss große Anstrengungen auf sich nehmen, den Ansprüchen von gestressten Partnern gerecht zu werden. Beispieldialog. Sie: Man könne sich die Arbeitsschritte wie Kleiderabgabe oder Warmlaufen ja aufteilen, anstatt gemeinsam an der Schlange zu warten. Er: Ja, klar, ich geh schon mal. Sie, genervt und schrill: Aber eigentlich wäre es doch schöner, wenn man die Herausforderungen gemeinsam meistert. Er: Auch gut, dann warte ich eben. Sie, noch schriller: Aber das muss natürlich auch nicht sein. Wenn du unbedingt schon starten willst, stehe ich natürlich nicht im Wege. Er, ruhig: Deine Ideen sind wie immer brillant, Schatz, genauso machen wir es… Die Welt kann so ungerecht sein. Der Kleiderwagen ist Treffpunkt für die Laufgruppen. Sachen schnell verstaut, dann geht es los. Immer nach vorne. Gänsehaut ob der Massen: Rund 30.000 Läufer sind versammelt. Wer auch immer mich in Startblock A eingeordnet hat, sei gesegnet. Kein Drängeln, kein Quetschen. Dann geht ein Ruck durch die Massen.
Die ersten zehn Kilometer: Vorneweg die Kenianer. Die werden schon ins Ziel einlaufen, wenn wir gerade Kilometer zehn passieren. Egal. Für die erste Hälfte der Wegstrecke genehmigen wir uns gemächliches Traben mit verschiedenen Gesprächsthemen. Wir strahlen und könnten die Welt umarmen. Neulich habe ich beim Laufpoeten Achim Achilles gelesen: Halbmarathon sei Pop, Marathon Klassik und Ultramarathon Punk. Für Punk war ich schon immer zu angepasst. Klassik indes rückt jedes Jahr ein kleines Stück näher in den Bereich des Machbaren. Noch kriecht die Morgenkälte unter die Kleidung. Rasch naht der erste Fanclub-Treffpunkt an Kilometer DREI. Fotos, Küsschen. Weiter geht’s. Allmählich steigt die Körpertemperatur. Am Kilometer zehn leichte Enttäuschung: Eine Stunde, drei Minuten. Nur drei Minuten schneller als im Vorjahr. Die Zwei-Stunden-Marke ist damit nicht zu knacken. Naja, dann eben nächstes Jahr.
Während der zweiten Hälfte: Das Tempo des Feldes zieht an. Wir ziehen mit. Wenigstens in die Nähe der zwei Stunden kommen! Ab jetzt lasse ich die Wasserstellen aus. Mein Magen reagiert empfindlich auf die viele Luft, die ich mit jedem Wasserbecher herunterwürge. Vertrautes Beobachten des Körpers, verlässlich wie ich ihn während der rund 1000 Laufkilometer im vergangenen Jahr kennengelernt habe. Gänsehaut im Takt der Musik-Combos. Wir erwidern die Jubelrufe des Publikums. Ganz langsam verebben die Gesprächsthemen. Ich übe mich in der Kunst der perfekten Ablenkung des eigenen Gehirns. Ich studiere Laufstile der Mitläufer und deren Accessoires. Ich registriere die Jubelmienen des Publikums. Den Charme der durchlaufenen Kieze. Ich lese in die Höhe gereckte Schilder oder T-Shirt-Aufschriften. Und fange langsam an, die auf Balkonen und in Cafés sitzenden Randgäste zu beneiden. Gleich kommt Kilometer 17 und damit noch einmal der Fanclub. Dieses Wissen ist Gold wert und lässt Meter um Meter verstreichen. Ich weiß, danach kommt das schwerste Stück:
Auf den letzten Metern zum Ziel: Die Gesichter des Publikums verwischen ineinander. Der Power-Riegel, den mir der Fanclub rasch zugeschoben hatte, liegt wie ein Stein im Magen. Und wird von Minute zu Minute schwerer. Magen und Gehirn müssen dringend voneinander abgekoppelt werden. Ich konzentriere mich wieder auf meine Laufkollegen. Aber niemand nimmt Notiz vom anderen. Alle wollen nur noch ankommen. Das Tempo legt noch einmal zu. Warum muss man die letzten Kilometer auf ein so trostloses Stück Straße verlegen? Vielleicht, damit man sich noch mehr auf den Zieleinlauf freut? Ich denke an den Fanclub, der jetzt eine Abkürzung zum Ziel nehmen kann. Ich freue mich auf die heiße Badewanne danach. Oder auf ein kühles Bier. Und dann ist es fast geschafft. Die letzte Kurve. Die letzten 300 Meter. Und plötzlich: Die Beine werden ganz leicht und man könnte noch ewig weiterlaufen.
jetzt kommentieren? 12. April 2009






































