Tagesarchiv für den 26. Juli 2009

¡Hola!Barcelona

Palmen in Barcelona
Ankommen in Barcelona: Eine Oase des Sommers. Sonnenhitze und Meereskühle. 1,5 Liter Wasser trinken, ohne auf die Toilette zu müssen. Überwältigt vom bunten Treiben. Der erste Weg führt zum Meer, der zweite zu den Ramblas. Ein Wirrwar aus Gassen und Gässchen, Plätzen und Märkten fordert alle Sinne. Den Überblick zu behalten: Unmöglich. Schnell passt man sich der spanischen Gelassenheit an. Café cortado und Café con Leche in schönstem Ambiente für zwei Euro siebzig. Creme Catalane: Auch als Eis köstlich. Wie man die vielen Tapas auseinander hält und am Ende beim Zahlen nicht durcheinander kommt? Und wie kommt der Schinken von der Tresen-Decke auf den Teller? Avocados mit Zitrone schmecken in Spanien viel besser als zu Hause. Fitz-Kola und Bionade werden in Szenekneipen angepriesen und irritieren den inneren Kompass.

Unsere Bleibe: Viertes OG, erreichbar durch den Dienstbotenaufgang. Das Treppenhaus weniger als ein schmaler Schlauch. Mit Rucksack auf dem Rücken bleibt man auf jeden Fall stecken. Die Wohnung selbst: Klein, fein und authentisch Barcelona. Blick in die Hinterhöfe und Nachbarwohnungen, auf Dachterasssen, Gassenwirrwar und nistende Tauben. In den dunkelsten und unwirklichsten Gassen um die Ecke befinden sich die coolsten, stylischsten Designerläden und Outletstores. Geschlafen wird mit Oropax. Während Barcelona nie zu schlafen scheint: Touristengruppen lassen sich auch nachts die Altstadt erklären. Vorzugsweise auf dem Platz vor unserem Haus. Sogar die Müllabfuhr arbeitet zur besten Schlafenszeit. Vor unserem Fenster tanzt jemand Flamenco und singt dabei Ave Maria. Junge Tauben zirpen nicht, wenn sie Hunger haben, sondern klagen quietschend. Am ersten Abend sitzt das gesamte Haus im Dunkeln. Stromausfall. Schon im Treppenhaus nur Notbeleuchtung. Nicht nur jegliche Form von Licht, auch die Toilettenspülung ist an den Strom gekoppelt. Der abtauende Kühlschrank sowieso.

Barcelona at Night: Mit einer abendlichen Flasche Wein auf dem Weg zum Meer. Mitschwimmen im Strom der Touristen und Einheimischen, die, wie es scheint, allesamt erst nach 22 Uhr auf die Straße gehen. Barcelona schmückt sich mit neu erbauten, prächtig beleuchteten olympischen Flaniermeilen entlang des Yachthafenbeckens. Die wenigen sorgsam gepflegten Rasenstückchen sind begehrt bei jungen Leuten. Wären da nicht die Rasensprenganlagen, die pünktlich 23 Uhr aus dem Rasen aufsteigen und Liegende verjagen. Nachts sehen die Altstadtgassen aus wie künstliche Kulissen im Filmstudio. Irreal beleuchtet. Lateinamerikanische Musik versteht man viel besser, wenn man sie in Spanien hört. Die perfekte Verbindung von Emotionen mit Impressionen.

Barcelona und seine Markthallen: Was für die Deutschen der Billig-Supermarkt, ist für die Spanier die Markthalle. Hier treffen alle Bevölkerungsgruppen Barcelonas zusammen und zelebrieren den Einkauf. Von den Touristen ganz abgesehen. Die Fischstände erfordern die gesamte Aufmerksamkeit des Besuchers. Die Auswahl an Meeresgetier ist unübertroffen. Mit unglaublicher Behändigkeit werden hier Fische ausgenommen, entschuppt, weiterverarbeitet. Alles bewegt sich noch irgendwie. Nicht nur Hummer, auch Muscheln aller Art machen ihre letzten Atemzüge auf schön dekorierter Auslage. Die Obstabteilung dagegen ist etwas für das Harmoniezentrum im Gehirn: Meterweise Obst, Gemüse, Nüsse, kandierte Früchte, getrocknetes Obst, wohin das Auge sieht. Ein alter, noch stattlicher Mann im abgenutzten Anzug zwirbelt seinen mit Pomade geformten Bart und spiegelt sich im Schaufenster. Der Begriff “ältere Dame” scheint hier erfunden: Je höher das Alter, desto mehr hält “Frau” etwas auf sich und verlässt stets geschminkt, im Kostüm gekleidet und mit Dauerwelle das Haus.

Barcelona und Touristen: Die Olympiaanlage in Barcelona weckt Assoziationen zu Brasilia: Moderne Architektur trifft auf NICHTS. Kein Mensch weit und breit. Ästhetisch interessant und gleichzeitig steril. Deutsche Touristen sehen gar nicht mehr deutsch und französische Touristen gar nicht mehr französisch aus. Nur Russen, die erkennt man sofort. Französisch ist neben dem Spanischen die meist gesprochene Sprache. Während man Touristen vor allem an Eistüten und Hochsicherheitsrucksäcken erkennt, sind die Tribute der Einheimischen Flipflops und “Bicing”-Leihfahrräder. Diese begehrten Teile darf man jedoch nur als “residentes” ausleihen. Das ehemalige Expo-Dorf Peblo Espanyol kostet 8 Euro Eintritt. Dafür kann der Besucher dann einheimisches (Kunst-)Handwerk einkaufen. Der Schmuck von Christine ist etwas Besonderes und hebt sich ab von dem zum Kitsch neigenden Touristenziel (Weiterer Schmuck bei plastiflor.es).

Barcelona am Strand: Würde man dem Fingerzeig der Columbusstatue im Hafen folgen, käme man direkt nach Amerika. Eine Strandliege kostet unbeschreibliche 5 Euro. Eine Badematte dagegen: Nichts. Asiatinnen holen den verträumten Strandbesucher alle fünf Minuten mit “Ola! Massage?” oder “Hello! Massage?” in die Realität zurück. Einheimische Möwe fliegt stundenlang mit Lenkdrachen um die Wette. Ganz nach der Devise: “Schau her, du Ding, das kann ich viel besser.” Die Haut fühlt sich salzig an vom Meer.

 

Hafen von BarcelonaKolumbus-DenkmalWo ist Amerika?gemüsigfischigfleischigMarktBahnhofshalleBahnhofHafenStrandblickUnwetter am StrandWackelhausFeuerwerkKinderschreckModernLangweilige PostkarteMondflugÄnne und TimHonigwasserGaudiSagrada FamíliaSagrada FamíliaLadenphilosophie

Volksfest in Barcelona: Das heißt: Konzerte an jeder Ecke. Überhaupt ist in der gesamten Stadt ein riesiger Menschenstrom unterwegs. Vormittags auf der Suche nach Schnäppchen der Rebaxas, abends auf der Suche nach der besten Party. Das Viertel Poble Sec: Spanisches Multikulti, wie in Berlin-Kreuzberg. Am Abend lässt sich rätselhaftes Treiben beobachten. Später wird klar: es handelt sich um Menschenturm-Training. Während wir auf dem Platz unseren Wein trinken, schafft es die Mannschaft auf viereinhalb Etagen. Das beste kanarische Menschenturm-Team hält den Rekord über neun Etagen! Kaum ist das Menschenturm-Training beendet, wird es von einem Umzug der Riesenpuppenmenschen abgelöst. Unter lärmender Musik findet das Stadtteilfest so seinen Höhepunkt. Aufgabe dieser Riesenpuppen scheint es zu sein, kleinen Kindern einen gehörigen Schrecken einzujagen. Das Publikum am Rande zollt Respekt vor der Leistung der Träger.

Barcelona ist teuer: Dem Laden um die Ecke wurde die Miete kürzlich von 2000 auf 7000 Euro erhählt. Globalisiertes Bettlertum: Vor dem “Spar-Markt” am Rande der Altstadt schimpfen zwei deutsche Bettler über die Globalisierung. Ob es wohl vor dem “Zara-Store” in Berlin bald spanische Bettler gibt?

bisher 10 Kommentare 26. Juli 2009


Kalender

Juli 2009
M D M D F S S
« Jun   Dez »
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
2728293031  

Monatsarchiv

Themenarchiv