Monatsarchiv für März, 2009

Eiskalte Erinnerungen: Winterurlaub 2009


Rügen im Winter: Menschenleere, wohin man kommt. Die Strände weit. Die Ortschaften entvölkert. Die Cafés unbesucht. Die Wanderwege abseitig. Die Strandkörbe verlassen. Die Tage kurz. Über allem liegt eine Einsamkeit, die fast autistisch macht. Blick aus dem Panoramafenster – vom Bett aus gesehen: Grün, grün, grün. Wald, Wiese. Und wenig später: Vereiste Weite. Raureif. Bizarre Strukturen aus Frost an Gräsern und Bäumen. Schnee. Tierspuren. Gefrorener Atem.
Rügen als Ort der Globalisierung, das Erbe der slawischen Besiedlung ist allgegenwärtig: Banzelvitz(er Berge), Barnkevitz, Bisdamitz, Boldevitz, Borchtitz, Burtvitz, Buschvitz, Dumsevitz, Fernlüttkevitz, Götemitz, Jarkvitz, Kartzitz, Kasnevitz, Klentelvitz, Krakvitz, Lonvitz, Losentitz, Mellnitz, Muglitz, Nadelitz, Nardevitz, Parchtitz, Poppelvitz, Poseritz, Pulitz, Ramitz, Reddevitz, Ruschvitz, Schmantevitz, Schoritz, Schweikvitz, Silvitz, Starrvitz, Thesenvitz, Tribbevitz, Urkevitz, Varbelvitz, Veikvitz, Venzvitz, Vilmnitz. [Die Silben „–vitz“ oder „-titz“ sind typische slawische Suffixe. Der vorangestellte Name stammt in der Regel vom Gründer bzw. einer herausragenden Person des Ortes.]
Gegenschnitt: Bedrückende Hafenanlagen aus grauem Ostbeton. Deprimierende Ferienanlagen aus 30er-JahreBeton. Unkaputtbar, bedrohlich. Aber am Ende ist es doch die Natur, die Oberhand behält: Zurückeroberung des Lebensraums ist allgegenwärtig. Rollmops und Brathering mit Bier im Werksverkauf von „Rügenfisch“. Moderne Ferienanlagen mit der Attraktivität von Ärztehäusern. Zersiedelte, seelenlose Ortschaften. Pilgerfahrten der Einheimischen zu Discountzentren auf der grünen Wiese. Dranske ganz oben im Nordwesten: Mit seinen verlassenen Plattenbauten, menschenleeren Holperstraßen, der notdürftig geflickten Ortsstruktur. Der Inbegriff von Tristesse. Nur die Steilküste von Dranske entschädigt. Wild und zerklüftet wie in englischen Filmen.
Das Anziehen der Thermokleidung dauert 10 Minuten. Winterlicht raubt den Atem: Von eisblau bis winterroter Sonne, die sich im Bodden spiegelt. Die Natur erwachen sehen. Gefrorener Sandstrand. Vor Kälte knarrende Kiefern. Sturmböen, peitschende Schneestürme. Die Stille von sanft rieselnden Schneeflocken. Gefrorene Kreidefelsen, die wie Gold in der Sonne glitzern. Schwarze vom Meer heranwirbelnde Schneesturmfront. Der Geruch von Salzwasser, kalten Algen und frischem Fisch. Thermoskannentee und Grog gegen steif gefrorene Finger. Reet gedeckte Katen. Vogelschwärme über den Deichen der Naturschutzgebiete. Glücksmomente in jedem Moment. Und der absolute Wille, Schönes in der Seele zu verankern.

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