Gespeichert unter 'Städtewanderung'

Ankommen in Barcelona: Eine Oase des Sommers. Sonnenhitze und Meereskühle. 1,5 Liter Wasser trinken, ohne auf die Toilette zu müssen. Überwältigt vom bunten Treiben. Der erste Weg führt zum Meer, der zweite zu den Ramblas. Ein Wirrwar aus Gassen und Gässchen, Plätzen und Märkten fordert alle Sinne. Den Überblick zu behalten: Unmöglich. Schnell passt man sich der spanischen Gelassenheit an. Café cortado und Café con Leche in schönstem Ambiente für zwei Euro siebzig. Creme Catalane: Auch als Eis köstlich. Wie man die vielen Tapas auseinander hält und am Ende beim Zahlen nicht durcheinander kommt? Und wie kommt der Schinken von der Tresen-Decke auf den Teller? Avocados mit Zitrone schmecken in Spanien viel besser als zu Hause. Fitz-Kola und Bionade werden in Szenekneipen angepriesen und irritieren den inneren Kompass.
Unsere Bleibe: Viertes OG, erreichbar durch den Dienstbotenaufgang. Das Treppenhaus weniger als ein schmaler Schlauch. Mit Rucksack auf dem Rücken bleibt man auf jeden Fall stecken. Die Wohnung selbst: Klein, fein und authentisch Barcelona. Blick in die Hinterhöfe und Nachbarwohnungen, auf Dachterasssen, Gassenwirrwar und nistende Tauben. In den dunkelsten und unwirklichsten Gassen um die Ecke befinden sich die coolsten, stylischsten Designerläden und Outletstores. Geschlafen wird mit Oropax. Während Barcelona nie zu schlafen scheint: Touristengruppen lassen sich auch nachts die Altstadt erklären. Vorzugsweise auf dem Platz vor unserem Haus. Sogar die Müllabfuhr arbeitet zur besten Schlafenszeit. Vor unserem Fenster tanzt jemand Flamenco und singt dabei Ave Maria. Junge Tauben zirpen nicht, wenn sie Hunger haben, sondern klagen quietschend. Am ersten Abend sitzt das gesamte Haus im Dunkeln. Stromausfall. Schon im Treppenhaus nur Notbeleuchtung. Nicht jegliche Form von Licht, auch Toilettenspülung ist an den Strom gekoppelt. Der abtauende Kühlschrank sowieso.
Barcelona at Night: Mit einer abendlichen Flasche Wein auf dem Weg zum Meer. Mitschwimmen im Strom der Touristen und Einheimischen, die, wie es scheint, allesamt erst nach 22 Uhr auf die Straße gehen. Barcelona schmückt sich mit neu erbauten, prächtig beleuchteten olympischen Flaniermeilen entlang des Yachthafenbeckens. Die wenigen sorgsam gepflegten Rasenstückchen sind begehrt bei jungen Leuten. Wären da nicht die Rasensprenganlagen, die pünktlich 23 Uhr aus dem Rasen aufsteigen und Liegende verjagen. Nachts sehen die Altstadtgassen aus wie künstliche Kulissen im Filmstudio. Irreal beleuchtet. Lateinamerikanische Musik versteht man viel besser, wenn man sie in Spanien hört. Die perfekte Verbindung von Emotionen mit Impressionen.
Barcelona und seine Markthallen: Was für die Deutschen der Billig-Supermarkt, ist für die Spanier die Markthalle. Hier treffen alle Bevölkerungsgruppen Barcelonas zusammen und zelebrieren den Einkauf. Von den Touristen ganz abgesehen. Die Fischstände erfordern die gesamte Aufmerksamkeit des Besuchers. Die Auswahl an Meeresgetier ist unübertroffen. Mit unglaublicher Behändigkeit werden hier Fische ausgenommen, entschuppt, weiterverarbeitet. Alles bewegt sich noch irgendwie. Nicht nur Hummer, auch Muscheln aller Art machen ihre letzten Atemzüge auf schön dekorierter Auslage. Die Obstabteilung dagegen ist etwas für das Harmoniezentrum im Gehirn: Meterweise Obst, Gemüse, Nüsse, kandierte Früchte, getrocknetes Obst, wohin das Auge sieht. Ein alter, noch stattlicher Mann im abgenutzten Anzug zwirbelt seinen mit Pomade geformten Bart und spiegelt sich im Schaufenster. Der Begriff „ältere Dame“ scheint hier erfunden: Je höher das Alter, desto mehr hält „Frau“ etwas auf sich und verlässt stets geschminkt, im Kostüm gekleidet und mit Dauerwelle das Haus.
Barcelona und Touristen: Die Olympiaanlage in Barcelona weckt Assoziationen zu Brasilia: Moderne Architektur trifft auf NICHTS. Kein Mensch weit und breit. Ästhetisch interessant und gleichzeitig steril. Deutsche Touristen sehen gar nicht mehr deutsch und französische Touristen gar nicht mehr französisch aus. Nur Russen, die erkennt man sofort. Französisch ist neben dem Spanischen die meist gesprochene Sprache. Während man Touristen vor allem an Eistüten und Hochsicherheitsrucksäcken erkennt, sind die Tribute der Einheimischen Flipflops und „Bicing“-Leihfahrräder. Diese begehrten Teile darf man jedoch nur als „residentes“ ausleihen. Das ehemalige Expo-Dorf Peblo Espanyol kostet 8 Euro Eintritt. Dafür kann der Besucher dann einheimisches (Kunst-)Handwerk einkaufen. Der Schmuck von Christine ist etwas Besonderes und hebt sich ab von dem zum Kitsch neigenden Touristenziel (Weiterer Schmuck bei plastiflor.es).
Barcelona am Strand: Würde man dem Fingerzeig der Columbusstatue im Hafen folgen, käme man direkt nach Amerika. Eine Strandliege kostet unbeschreibliche 5 Euro. Eine Badematte dagegen: Nichts. Asiatinnen holen den verträumten Strandbesucher alle fünf Minuten mit „Ola! Massage?“ oder „Hello! Massage?“ in die Realität zurück. Einheimische Möwe fliegt stundenlang mit Lenkdrachen um die Wette. Ganz nach der Devise: „Schau her, du Ding, das kann ich viel besser.“ Die Haut fühlt sich salzig an vom Meer.
Volksfest in Barcelona: Das heißt: Konzerte an jeder Ecke. Überhaupt ist in der gesamten Stadt ein riesiger Menschenstrom unterwegs. Vormittags auf der Suche nach Schnäppchen der Rebaxas, abends auf der Suche nach der besten Party. Das Viertel Poble Sec: Spanisches Multikulti, wie in Berlin-Kreuzberg. Am Abend lässt sich rätselhaftes Treiben beobachten. Später wird klar – es handelt sich um Menschenturm-Training. Während wir auf dem Platz unseren Wein trinken, schafft es die Mannschaft auf viereinhalb Etagen. Das beste kanarische Menschenturm-Team hält den Rekord über neun Etagen! Kaum ist das Menschenturm-Training beendet, wird es von einem Umzug der Riesenpuppenmenschen abgelöst. Unter lärmender Musik findet das Stadtteilfest so seinen Höhepunkt. Aufgabe dieser Riesenpuppen scheint es zu sein, kleinen Kindern einen gehörigen Schrecken einzujagen. Das Publikum am Rande zollt Respekt vor der Leistung der Träger.
Barcelona ist teuer: Dem Laden um die Ecke wurde die Miete kürzlich von 2000 auf 7000 Euro erhöht. Globalisiertes Bettlertum: Vor dem „Spar-Markt“ am Rande der Altstadt schimpfen zwei deutsche Bettler über die Globalisierung. Ob es wohl vor dem „Zara-Store“ in Berlin bald spanische Bettler gibt?
26. Juli 2009

Ob wir uns die Reise in verbotene Stadt wirklich gut überlegt hätten? Unserem Nachbarn, einem gefühlten Kölner, ist das Unbehagen deutlich anzumerken. Kein Kölsch, nur Alt, keine Vorwegweiser… Aber lang geplant und häufig verschoben, hält uns nichts vom Besuch in Düsseldorf ab. Schon die Anreise widerlegt alte Vorurteile: Bielefeld gibt es wirklich, sogar der Zug hält da. Die Bahn ist pünktlicher als ihr Ruf, der ICE aus Berlin rollt auf die Sekunde pünktlich in Düsseldorf ein. Düsseldorf hat viele nette Seiten zu bieten, die sich mit ortskundiger Führung zu Fuß erlaufen lassen. Einzig die westdeutsche Partykultur bleibt fremd. Ballermann gibt es nicht nur auf Malle, in der Düsseldorfer Altstadt ritualisieren Siggis ihre Junggesellenabschiede, feiern Kegelklubs aus dem Umland mit eng getakteten Trinkwettbewerben den Start in das Wochenende. Ruhrgebiet für Anfänger steht auf der Tagesordnung: In Oberhausen und Duisburg lösen sich ebenfalls Vorurteile auf. Auch im Pott scheint manchmal die Sonne. Grün gibt es, soweit das Auge blickt. Oberhausen ist in Sachen Musikkultur ganz vorn dabei: Weltstars wie Anna-Maria Zimmermann, Peter Wackel und Jörg Bausch lassen sich von zehntausenden Open-Air-Besuchern frenetisch feiern. Spannende Industriedenkmale ziehen uns als Ruhrgebiets-Neulinge in ihren Bann. Wie Kinder stromern wir stundenlang an Gießereihallen und Sinteranlagen vorbei und klettern an Hochöfen empor. Bratwurst, Pommes und Eis am Stiel sind am Ende ein wirklich ehrliches Essen in dieser Umgebung. Einen großen Dank an die ortskundigen Gastgeber und die vielen Impressionen. Lerneffekt: Ruhrgebiet = Vielfältigkeit = unzählige Brüche = unverschnörkelte Ehrlichkeit = spannend Unentdecktes. Apropos: Mit hoher Plakatdichte ist es Paul Potts, der sich bereits als nächster Superstar des Ruhrgebiets nach Eva-Maria Zimmermann ankündigt.
03. Juli 2009

Schnell nach der Ankunft im Kopenhagener Zentrum zeigt sich: Anders als andere Städte ist Kopenhagen als Reiseziel in der mitteleuropäischen Wahrnehmung völlig unterbewertet. Jung, entspannt, hell, freundlich, lässig und modern lernen wir die Stadt der kleinen Meerjungfrau kennen. Mit kostenlosen Leihrädern – Ausleihe nach dem Einkaufswagenprinzip – lässt sich die dänische Metropole entspannt erkunden. Sie erstreckt sich über eine größere Fläche, als erwartet. Im Krieg kaum zerstört, schafft historische Bausubstanz fast überall Wohlfühlatmosphäre. Flüsschen und Kanäle, Strände und befestigte Uferpromenaden, Yachthäfen und Containerschiffe, das Kreischen der Möwen sowie Geruch von Meer signalisieren Urlaub. Rockfestivals in der Innenstadt, freundliche Menschen überall – vom Busfahrer, Vermieter, Eisverkäuferinnen oder Kellnerinnen – überzeugen uns vom skandinavischen Lebensgefühl.
Nein, ganz oben auf der Prioriätenliste stand Kopenhagen vor der Reise ganz bestimmt nicht. Auch wenn europäische Städtereisen dank Easyjet inzwischen ein Kinderspiel sind, die Entscheidungsfindung angesichts eines Überangebots an sommerlichen Reisezielen ist alles andere als easy. Erst recht nicht Mitte Dezember, wenn die Flucht aus Berlin ein natürlicher Reflex ist. Wohin reisen, im Juni, zu Beginn der heißesten Zeit des Jahres? Ins sonnenüberflutete Sizilien? Oder schwitzend durch Thessaloniki stapfen? Oder sich nächtens schlaflos in einer aufgeheizten spanischen Finca hin und her wälzen? Reflexartig kommen nördliche Gefilde in den Fokus: Skandinavien als ideales Ziel. Also, auf nach Kopenhagen.
25. Juni 2009

Alles ist verspiegelt, an einem Tag wie heute. Das wird beim Verlassen des Hauses sofort klar. Derart stark reflektiert die Sonne ihr gleißende Licht im angekippten Fenster im zweiten Stock, dass sofort Tränen in die Augen schießen. Beim Ölen der Fahrradkette spiegeln sich die vorbeiziehenden Wolkenformationen im Fahrradrahmen. Und wir selbst – wenig später auf dem Rad – sehen unsere verzerrten Abbilder in den parkenden Autos, an denen wir vorbeifahren. Auf dem Weg in die Innenstadt geht es immer so weiter: Eisbecher spiegeln sich in den überdimensionierten Sonnenbrillen ihrer Esser, deren Köpfe wiederum in den Silbertabletts der Kellner glänzen. Modebewusste Damen spiegeln sich und ihre Frühlingsgarderobe in blitzblank geputzten Schaufenstern. Die Spree reflektiert vom Entenpopo bis zum Abgeordnetengebäude alles, was ringsum in Sichtweite ist. Auf den Gesichtern eng umschlungener verliebter Paare spiegeln sich romantische Gefühle. Im Objektiv der Kamera spiegelt sich das Fotoobjekt. Und in der Glasfassade die Nachbarglasfassade der Nachbarglasfassade. In nagelneu glänzenden Lackschuhen zeichnen sich die ersten kurzen Röcke ab. Sogar das Standbild des Computererfinders widerspiegelt seinen Betrachter. Und noch am Ende des Tages grübelt die Netzhaut über das gleißende Sonnenlicht nach: Gerade noch mal gut gegangen. Zum Glück wohnt in der Wohnung im zweiten Stock eine WG, die ihre Fenster noch nie geputzt hat.
Eine vitale Erinnerung an eine Jahreszeit, die Frühling hieß. Bevor der Winter zurückkam.
21. März 2007

Hamburg ist mehr als nur Reeperbahn und Phantom der Oper. Soviel war klar, schon vor der Reise. Astra beispielsweise stammt aus Hamburg. Das Astra, das in den Mitt-Neunzigern unter den Berlinern ein ganz neues Bierbewusstsein geweckt hat, inzwischen jedoch vom schwäbischen Spartenprodukt Tannenzäpfle zum Nischendasein auf preußischem Boden verdammt wurde. Musik und Fußball kommen aus Hamburg, denkt man nur an FC St. Pauli und den HSV, Kante, Fischmob, Deichkind, Sport, Tocotronic und Hans Albers. Darüber hinaus gibt es in Hamburg noch einen großen Hafen. Doch dann verließen sie uns schon, die Erinnerungen an frühe Klassen- oder Tagesfahrten. So fern und doch so nah: Berlin–Hamburg in nur 90 Minuten. Verspricht die Bahn, und hält es. Kaum Platz genommen, Thermoskanne und Reiseproviant ausgepackt, Überschriften der Tageszeitung gelesen und sinnierend aus dem Fenster geschaut, schon kündigt der freundliche Zugchef aus dem Fränkischen die Einfahrt in den Hamburger Hauptbahnhof an. Ein wenig überrumpelt lassen wir unsere Reiseutensilien wieder in den Rucksack wandern. Vorhang auf für die Stadt an der Alster.
Als erstes lernen wir: Hamburg ist vor allem die Stadt der steifen Brise und damit definitiv kein Pflaster für Fönfrisuren. Eisiger Wind pfeift über den Straßenbelag und durch unsere Jacken. Der einzige warme Ort des Körpers: Die Füße, eingepackt in bequemen, wärmenden Wanderschuhen. Und die tragen uns während der drei Tage durch die Hamburger Innenstadt. Als erstes, vorbei an Rathaus und Binnenalster, hinein ins Hansaviertel. Hier ist Hamburg die Stadt der piekfeinen Mantelträger und Aktenkoffer. Später, in den Deichtorhallen mit der Ausstellung „Visual Leaders“, ist Hamburg vor allem Medienstadt. Und darin ist Hamburg einfach gut. Dann weiter zur Speicherstadt, dem größten Wohnungsbauprojekt Westeuropas. Hier ist Hamburg die Stadt der überdimensionierten Gursky-Landschaften. Nur wenige Straßen weiter, unzählige Einkaufspaläste – hier präsentiert sich Hamburg als Konsumparadies/-hölle. Und als Stadt der Kieze. Zum Beispiel Ottensen: Sympathisch, wechseln sich hier in einem fort „state of the art“ und „under statement“ ab. Die Hafenstadt schließlich, die ist wohl das markanteste Gesicht Hamburgs: Hafenrundfahrt – ein Muss für jeden Neuling. Der Käptn der Little Miss Sunshine hat vor der Fahrt eine Rumfahne, wir am Ende klamme Finger und einen flauen Seemagen. Und dann doch wieder die Stadt der Reeperbahn: Bei Tageslicht entblößt sie ihren abgetakelten, verblichenen Glanz. Warum heißt die „Große Freiheit“ „Große Freiheit“? Weil das dänische Königreich hier früher eine Freihandelszone eingerichtet hatte. Das wissen wir vom ehemaligen Pfarrer des dortigen Kirchenhauses, Tür an Tür mit einem Striplokal. Am frühmorgendlichen Fischmarkt wird Hamburg zum überdimensionierten Fischbrötchen. Den Möwen gefällt’s, die Händler machen gutes Geschäft, die meisten Touristen jedoch – so auch wir – haben die morgendliche Attraktion wohl verschlafen. Noch am Nachmittag steigt aus jeder Ritze rund um das alte Fischauktionshaus der beißende Fischgeruch in unsere verwöhnten Nasen. Die Rückfahrt lässt sich nach drei eindrucksvollen Tagen nicht länger hinauszögern: Zurück am Hamburger Hauptbahnhof, fühlt sich die Stadt an wie ein riesiges Drehkreuz für Studenten, Touristen, Schauspieler, Businessleute und solche die es werden wollen. Und kaum 90 Minuten später hat uns Berlin wieder, dessen Gesichter wir jetzt mit ganz anderen Augen sehen.
Vielen Dank an Monic und Roland für die Gastfreundschaft.
05. März 2007