Eiskalte Erinnerungen: Winterurlaub 2009
29.März 2009

Rügen im Winter: Menschenleere, wohin man kommt. Die Strände weit. Die Ortschaften entvölkert. Die Cafés unbesucht. Die Wanderwege abseitig. Die Strandkörbe verlassen. Die Tage kurz. Über allem liegt eine Einsamkeit, die fast autistisch macht. Blick aus dem Panoramafenster – vom Bett aus gesehen: Grün, grün, grün. Wald, Wiese. Und wenig später: Vereiste Weite. Raureif. Bizarre Strukturen aus Frost an Gräsern und Bäumen. Schnee. Tierspuren. Gefrorener Atem.
Rügen als Ort der Globalisierung, das Erbe der slawischen Besiedlung ist allgegenwärtig: Banzelvitz(er Berge), Barnkevitz, Bisdamitz, Boldevitz, Borchtitz, Burtvitz, Buschvitz, Dumsevitz, Fernlüttkevitz, Götemitz, Jarkvitz, Kartzitz, Kasnevitz, Klentelvitz, Krakvitz, Lonvitz, Losentitz, Mellnitz, Muglitz, Nadelitz, Nardevitz, Parchtitz, Poppelvitz, Poseritz, Pulitz, Ramitz, Reddevitz, Ruschvitz, Schmantevitz, Schoritz, Schweikvitz, Silvitz, Starrvitz, Thesenvitz, Tribbevitz, Urkevitz, Varbelvitz, Veikvitz, Venzvitz, Vilmnitz. [Die Silben -vitz oder -titz sind typische slawische Suffixe. Der vorangestellte Name stammt in der Regel vom Gründer bzw. einer herausragenden Person des Ortes.]
Gegenschnitt: Bedrückende Hafenanlagen aus grauem Ostbeton. Deprimierende Ferienanlagen aus 30er-JahreBeton. Unkaputtbar, bedrohlich. Aber am Ende ist es doch die Natur, die Oberhand behält: Zurückeroberung des Lebensraums ist allgegenwärtig. Rollmops und Brathering mit Bier im Werksverkauf von Rügenfisch. Moderne Ferienanlagen mit der Attraktivität von Ärztehäusern. Zersiedelte, seelenlose Ortschaften. Pilgerfahrten der Einheimischen zu Discountzentren auf der grünen Wiese. Dranske ganz oben im Nordwesten: Mit seinen verlassenen Plattenbauten, menschenleeren Holperstraßen, der notdürftig geflickten Ortsstruktur. Der Inbegriff von Tristesse. Nur die Steilküste von Dranske entschädigt. Wild und zerklüftet wie in englischen Filmen.
Das Anziehen der Thermokleidung dauert 10 Minuten. Winterlicht raubt den Atem: Von eisblau bis winterroter Sonne, die sich im Bodden spiegelt. Die Natur erwachen sehen. Gefrorener Sandstrand. Vor Kälte knarrende Kiefern. Sturmböen, peitschende Schneestürme. Die Stille von sanft rieselnden Schneeflocken. Gefrorene Kreidefelsen, die wie Gold in der Sonne glitzern. Schwarze vom Meer heranwirbelnde Schneesturmfront. Der Geruch von Salzwasser, kalten Algen und frischem Fisch. Thermoskannentee und Grog gegen steif gefrorene Finger. Reet gedeckte Katen. Vogelschwärme über den Deichen der Naturschutzgebiete. Glücksmomente in jedem Moment. Und der absolute Wille, Schönes in der Seele zu verankern.
Artikel gespeichert unter: Landpartien















bisher 2 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben
1. Claudia | 05.April 2009 at 17:41
Verfolge euer Blog schon eine ganze Weile. Ich kann nur sagen: Immer wieder nette Geschichten. Und vor allem: Tolle Fotos. Kompliment. Gruß aus Hamburg. Claudia
2. Luiza | 07.Juni 2011 at 13:07
HERVORRAGENDES Foto!
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