Tagesarchiv für den 22. Januar 2009

Kuren


Rehabilitation leitet sich vom mittellateinischen Wort rehabilitatio her und bedeutet Wiederherstellung. Rehabilitationsmaßnahmen bezeichnen die medizinischen und pflegerischen Bestrebungen, Krankheitsfolgen oder drohende Beeinträchtigungen zu bewältigen, um so die Gesundheit eines Menschen wieder auf einen vormals existierenden körperlichen Zustand zu heben.

Auszug aus der Angebotspalette des Reha-Kiosks: Gesundheitlich wertvolle Lebensmittel wie Merci-Schokoriegel, Bonbons, Storck-Schokoladen-Riesen, Kartoffelchips, Erdnussflips, Milka-Schokolade, Mars-Riegel, Rotkäppchen-Sekt und andere Alkoholika. Beliebte Publikationen wie Der Landser, Super-Illu, Groschenromane, Fernsehzeitschriften sowie Tageszeitungen wie die Mitteldeutsche Zeitung oder der Berliner Kurier. Nützliche Bedarfsartikel wie Papiertaschentücher, Waschmaschinentabs, Beileids- oder Geburtstagskarten. Vergeblich gesucht: Obst und Gemüse, heißes Wasser für Tee, Salzstangen, verschickbare Postkarten oder die Wochenzeitung Zeit. Die Zeit was iss´n das? So was wie die Super-Illu mit Kreuzworträtseln und so? Immerhin: Die Vollverpflegung lässt nicht viele Wünsche offen.

Der Altersdurchschnitt der Mitpatienten liegt gefühlt bei 70 aufwärts. Die Dichte an verfügbaren Rollatoren ist um mindestens 200 Prozent höher als im realen Leben.

Bevorzugte Themen am Essenstisch: Wie die Zeit zu vertreiben sei. Eigentlich eine seltsame Redenswendung für onkologische Patienten.

Der Tag ist ausgefüllt mit Gymnastikübungen im Kreise von Senioren – von Ruderbewegungen nach moderner Musik von Modern Talking wahlweise auf Flexi-Bällen oder mit Hilfe von Idigo-Stäben, bis hin zu visualisierender Tiefenentspannung. Die Bäderabteilung hat leider geschlossen. Wegen Legionellenbefall. Dafür gibt es eine Dauerkarte für den Fitnessraum und Nordic Walking für Anfänger.

Der Yoga-Kurs kommt leider nicht zustande. Für einen einzigen Teilnehmer kann die Yogalehrerin leider nicht anreisen. Der Kurs Serviettenfalttechnik hingegen ist immer bis auf den letzten Platz belegt.

Sollte man sich Gedanken machen, wenn man sich unter der Dusche beim Singen von Heidschi bumbeitschi bum bum erwischt?

Die Süddeutsche Zeitung schreibt: Der pädagogische Reiz der Krise ist es, dass situationsbedingt das Definieren von neuen Werten und Zielen einfacher ist – einfacher als ohne Krise. Von daher ist es als Segen zu betrachten, dass der Reha-Aufenthalt dem Patienten mehr Zeit als genug verschafft, sich über neue Werte und Ziele klar zu werden.

Das Auge wird von der helltürkisfarbigen Einrichtung gequält. Funktionalität im 80er-Jahre-Look ist wichtiger als Wohlfühlatmosphäre.

Momente, die trotz allem glücklich machen, sind die kleinen Begebenheiten am Rande:
1. Die Sonne an einem klaren Tag und ein kalter, knackiger Apfel.
2. Das perfekte Licht zum Fotografieren.
3. Ein durch Zufall entdeckter, liebevoll arrangierter Kleintier-Zoo mit mir als einzigem Besucher. Mich dort von Fuchs, Reh und Ziege beobachten zu lassen.
5. Beim Sport ins Schwitzen kommen.
6. Draußen zu stehen und mit geschlossenen Augen die kalte frische Luft tief einzuatmen.
7. Reifbedeckte Bäume im Winter.

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