
Alles ist verspiegelt, an einem Tag wie heute. Das wird beim Verlassen des Hauses sofort klar. Derart stark reflektiert die Sonne ihr gleißende Licht im angekippten Fenster im zweiten Stock, dass sofort Tränen in die Augen schießen. Beim Ölen der Fahrradkette spiegeln sich die vorbeiziehenden Wolkenformationen im Fahrradrahmen. Und wir selbst – wenig später auf dem Rad – sehen unsere verzerrten Abbilder in den parkenden Autos, an denen wir vorbeifahren. Auf dem Weg in die Innenstadt geht es immer so weiter: Eisbecher spiegeln sich in den überdimensionierten Sonnenbrillen ihrer Esser, deren Köpfe wiederum in den Silbertabletts der Kellner glänzen. Modebewusste Damen spiegeln sich und ihre Frühlingsgarderobe in blitzblank geputzten Schaufenstern. Die Spree reflektiert vom Entenpopo bis zum Abgeordnetengebäude alles, was ringsum in Sichtweite ist. Auf den Gesichtern eng umschlungener verliebter Paare spiegeln sich romantische Gefühle. Im Objektiv der Kamera spiegelt sich das Fotoobjekt. Und in der Glasfassade die Nachbarglasfassade der Nachbarglasfassade. In nagelneu glänzenden Lackschuhen zeichnen sich die ersten kurzen Röcke ab. Sogar das Standbild des Computererfinders widerspiegelt seinen Betrachter. Und noch am Ende des Tages grübelt die Netzhaut über das gleißende Sonnenlicht nach: Gerade noch mal gut gegangen. Zum Glück wohnt in der Wohnung im zweiten Stock eine WG, die ihre Fenster noch nie geputzt hat.
Eine vitale Erinnerung an eine Jahreszeit, die Frühling hieß. Bevor der Winter zurückkam.
21. März 2007

Hamburg ist mehr als nur Reeperbahn und Phantom der Oper. Soviel war klar, schon vor der Reise. Astra beispielsweise stammt aus Hamburg. Das Astra, das in den Mitt-Neunzigern unter den Berlinern ein ganz neues Bierbewusstsein geweckt hat, inzwischen jedoch vom schwäbischen Spartenprodukt Tannenzäpfle zum Nischendasein auf preußischem Boden verdammt wurde. Musik und Fußball kommen aus Hamburg, denkt man nur an FC St. Pauli und den HSV, Kante, Fischmob, Deichkind, Sport, Tocotronic und Hans Albers. Darüber hinaus gibt es in Hamburg noch einen großen Hafen. Doch dann verließen sie uns schon, die Erinnerungen an frühe Klassen- oder Tagesfahrten. So fern und doch so nah: Berlin–Hamburg in nur 90 Minuten. Verspricht die Bahn, und hält es. Kaum Platz genommen, Thermoskanne und Reiseproviant ausgepackt, Überschriften der Tageszeitung gelesen und sinnierend aus dem Fenster geschaut, schon kündigt der freundliche Zugchef aus dem Fränkischen die Einfahrt in den Hamburger Hauptbahnhof an. Ein wenig überrumpelt lassen wir unsere Reiseutensilien wieder in den Rucksack wandern. Vorhang auf für die Stadt an der Alster.
Als erstes lernen wir: Hamburg ist vor allem die Stadt der steifen Brise und damit definitiv kein Pflaster für Fönfrisuren. Eisiger Wind pfeift über den Straßenbelag und durch unsere Jacken. Der einzige warme Ort des Körpers: Die Füße, eingepackt in bequemen, wärmenden Wanderschuhen. Und die tragen uns während der drei Tage durch die Hamburger Innenstadt. Als erstes, vorbei an Rathaus und Binnenalster, hinein ins Hansaviertel. Hier ist Hamburg die Stadt der piekfeinen Mantelträger und Aktenkoffer. Später, in den Deichtorhallen mit der Ausstellung „Visual Leaders“, ist Hamburg vor allem Medienstadt. Und darin ist Hamburg einfach gut. Dann weiter zur Speicherstadt, dem größten Wohnungsbauprojekt Westeuropas. Hier ist Hamburg die Stadt der überdimensionierten Gursky-Landschaften. Nur wenige Straßen weiter, unzählige Einkaufspaläste – hier präsentiert sich Hamburg als Konsumparadies/-hölle. Und als Stadt der Kieze. Zum Beispiel Ottensen: Sympathisch, wechseln sich hier in einem fort „state of the art“ und „under statement“ ab. Die Hafenstadt schließlich, die ist wohl das markanteste Gesicht Hamburgs: Hafenrundfahrt – ein Muss für jeden Neuling. Der Käptn der Little Miss Sunshine hat vor der Fahrt eine Rumfahne, wir am Ende klamme Finger und einen flauen Seemagen. Und dann doch wieder die Stadt der Reeperbahn: Bei Tageslicht entblößt sie ihren abgetakelten, verblichenen Glanz. Warum heißt die „Große Freiheit“ „Große Freiheit“? Weil das dänische Königreich hier früher eine Freihandelszone eingerichtet hatte. Das wissen wir vom ehemaligen Pfarrer des dortigen Kirchenhauses, Tür an Tür mit einem Striplokal. Am frühmorgendlichen Fischmarkt wird Hamburg zum überdimensionierten Fischbrötchen. Den Möwen gefällt’s, die Händler machen gutes Geschäft, die meisten Touristen jedoch – so auch wir – haben die morgendliche Attraktion wohl verschlafen. Noch am Nachmittag steigt aus jeder Ritze rund um das alte Fischauktionshaus der beißende Fischgeruch in unsere verwöhnten Nasen. Die Rückfahrt lässt sich nach drei eindrucksvollen Tagen nicht länger hinauszögern: Zurück am Hamburger Hauptbahnhof, fühlt sich die Stadt an wie ein riesiges Drehkreuz für Studenten, Touristen, Schauspieler, Businessleute und solche die es werden wollen. Und kaum 90 Minuten später hat uns Berlin wieder, dessen Gesichter wir jetzt mit ganz anderen Augen sehen.
Vielen Dank an Monic und Roland für die Gastfreundschaft.
05. März 2007