Budapest, ein Städteerlebnis in fünf Episoden
04.Januar 2007
Episode 1: Vor der Abfahrt: Der Reiz des unbekannten Budapest erfasst uns schon zu Hause, mit der Flugbuchung. Das Internet zeigt gefilterte Impressionen und schafft eine erste Vorahnung von der Pracht der ungarischen Hauptstadt. Ein Reiseführer verankert bruchstückhafte Sehenswürdigkeiten im Kopf. Zeitgleich der erste Versuch, sich den Stadtplan einzuprägen. Zweidimensional, vorerst. Doch zunächst schlummern die Impressionen noch leblos vor sich hin. Wie leere Hüllen, die nach Erlebnisinhalt gieren.
Episode 2: Am Tag der Abfahrt ist alles anders als sonst: Nie klingt das Weckerklingeln so freundlich, nie strömt Energie so schnell durch den verschlafenen Körper, nie schmeckt das Frühstücksbrot so frisch, wie am Tag der Abfahrt. Selbst die S-Bahn-Fahrt zum Flughafen vorbei an grauen Vororten Berlins sehen wir durch die Reisebrille. Das Ruckeln und die Zwischenhalte, ebenso das Einchecken und Warten auf den Abflug sind nicht weniger als süße Vorboten der Reise. In fünf Tagen erwartet uns all das erneut, dann jedoch mit Blick durch die Rückkehrerbrille. Jetzt jedoch: Auf in die Ferne. Kaum anderthalb Stunden später spuckt der Himmel über Budapest das Flugzeug auf das Rollfeld. Das Unbekannte ist jetzt zum Greifen nahe. Mit dem Öffnen der Flugzeugtür schlägt uns eisige, klare Kälte entgegen. Es riecht nach Kerosin und Winter.
Episode 3: Noch völlig orientierungsblind sitzen wir in der Budapester U-Bahn, die uns direkt in die Innenstadt bringt. Fremd die Namen der Stationen, fremd das Gesprochene um uns herum, die plüschige Hotelatmosphäre noch nicht ganz abgeschüttelt. Alles muss erst vertraut werden. Die richtige Station nicht zu verpassen, erfordert ungeteilte Aufmerksamkeit. Schließlich: Andrassy ut, der Prachtboulevard Budapests. An jeder Fassade die Herrlichkeit der vergangenen Jahrzehnte. Blind immer noch, folgen wir dem Strom der Menschen. Irgendwo dort unten muss die Donau sein. Und über ihr – majestätisch thronend – die Altstadt mit Burg und Fischerbastei. Sie will erobert werden. Meter für Meter ringen wir der Hängebrücke über die Donau – dem Wahrzeichen der Stadt – gegen den eisig-klaren Sturm ab. Der Aufstieg auf den Burgberg macht warm. Immer wieder lugt das pittoreske Ensemble wie ein verstecktes Kunstwerk hinter Bäumen und Häusern hervor. Und dann, plötzlich, sind wir mitten drin. Und blicken hinab auf das Häusermeer, das uns eben noch umgeben hat, wie auf ein illuminiertes Stillleben. Gänsehaut von so viel Schönheit.
Episode 5: Klar und kalt scheint die Wintersonne auf unseren letzten Tag. Die Atmosphäre vom traurigen Sonntag über der Stadt. Nur auf der Burg tummeln sich die Touristen. Russische Sprachfetzen an jeder Ecke. Die Boulevards sind nur für die Tauben da. Und für die Pfützen, in denen sich die eitel-herrschaftlichen Hausfassaden spiegeln. An einem solchen Nachmittag gingen frühere Generationen für gewöhnlich aus, zum Sonntagskaffee. Wir tun es ihnen nach, elegant, im feinen Kaffeehaus Astoria. Fast sind wir die einzigen Gäste. Ein letztes Mal heimischen Apfelstrudel, später Rotwein vom Balaton. Der Sonne gelingt es bis zum späten Nachmittag nicht, die Melancholie aus Budapest zu vertreiben. Ein letzter Spaziergang an der Donau. Die blaue Stunde, die die Stadt in ein warmes Orange taucht. Wir sitzen ganz still auf einer Bank und schauen auf das Schauspiel, das ganz sicher allein für uns veranstaltet wird.
Artikel gespeichert unter: Im Ausland
bisher 2 Kommentare Eigenen Kommentar schreiben
1. Volker | 06.März 2007 at 21:50
…eine wunderbar warme und sympathische Reiseskizze im Januar, die eigentlich gar keine Kamerabilder braucht….
Gelungen!
2. Tatjana | 06.Mai 2007 at 01:09
Sehr schöne Bilder!!! – Mehr davon!
LGt
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